In Platons Höhle

Cut. Scherenschnitte 1970-2010
12. November 2010 bis 6. Februar 2011
Hamburger Kunsthalle/Galerie der Gegenwart

Dr. Theodor Yemenis



In der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle findet neben der großen Philip Otto Runge-Retrospektive die Ausstellung "Cut. Scherenschnitte 1970-2010" statt. Nachdem Runge eher den klassischen Scherenschnitt repräsentiert, geht es bei “Cut” um dessen moderne Verwendung und Interpretation. Derzeit lässt sich in der internationalen Gegenwartskunst erneut ein wachsendes Interesse an diese Technik beobachten. Der Begriff „Cut“ umfasst, in seiner neuen Verwendung, nicht nur die klassischen Techniken des Scherenschnitts und des Silhouettierens, sondern auch ganz neue Entwicklungen und Anwendungen. Der „Cut“ erobert den dreidimensionalen Raum, neue Materialien werden getestet und Schnittstellen zu anderen Medien, wie Fotografie, Film, Video und Theater werden hergestellt. Gezeigt werden ca. 50 Arbeiten aus den Jahren 1970-2010.

Vorbild für die Arbeiten vieler der junger Künstler sind die Scherenschnitte von Philipp Otto Runge (1777-1810). Scherenschnitte von Runge werden im Rahmen der großen Runge-Retrospektive Kosmos Runge in der Hamburger Kunsthalle gezeigt.

Künstler wie Kara Walker, William Kentridge oder Christian Boltanski beziehen sich in ihren Schattenspielen und Projektionen auf Platons Gleichnis und betonen damit die Ambivalenz von sichtbarer Welt und Scheinwelt, Wirklichkeit und Wahrnehmung, Aktualität (Gegenwart, Augenblick) und Erinnerung.

Was ist wahr und wirklich, was ist Irrtum oder Täuschung? Diese Fragen wirft der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) in seinem berühmten Höhlengleichnis auf.

Platon beschreibt einige Menschen, die in einer unterirdischen Höhle von Kindheit an so festgebunden sind, dass sie weder ihre Köpfe noch ihre Körper bewegen und deshalb immer nur auf die ihnen gegenüber liegende Höhlenwand blicken können. Licht haben sie von einem Feuer, das hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und ihren Rücken befindet sich eine Mauer. Hinter dieser Mauer werden Bilder und Gegenstände vorbeigetragen, die die Mauer überragen und Schatten an die Wand werfen. Die „Gefangenen“ können nur diese Schatten der Gegenstände wahrnehmen. Wenn die Träger der Gegenstände sprechen, hallt es von der Wand so zurück, als ob die Schatten selber sprächen. Da sich die Welt der Gefangenen ausschließlich um diese Schatten dreht, deuten und benennen sie diese, als handelte es sich bei ihnen um die wahre Welt [Quelle: Wikipedia].

Beim Betrachten von Kunstwerken, wie z.B. Christian Boltanskis „Théâtre d'ombres“ (1985), William Kentridges „Shadow Procession“ (1999) und Kara Walkers „Darkytown Rebellion“ (2001) hat man das Gefühl in einer ähnlichen Situation, wie die Gefangen Platons versetzt zu sein. Man wird von der gleichen Fragestellungen, wie Platons Gefangenen geplagt. Eine definitive und entgültige Antwort auf diese Fragen wird man wohl nicht bekommen, der Betrachter verlässt aber den Ausstellungsraum nicht, ohne vorher der Ambivalenzen zwischen Wirklichkeit und Täuschung, Wahrheit und Irrtum, Gegenwart und Geschichte, Leben und Tod ausgesetzt zu sein.

Das  „Théâtre d'ombres“  verdeutlicht z.B. die Ambivalenz von Tod und Kindheit, die sich durch Boltanskis Werk zieht. Der riesige Schatten einer kleinen Marionette lenkt die Betrachtenden vom Objekt selbst ab, nur der Reflex des Gegenstandes bleibt getreu Platons Höhlengleichnis dem Menschen sichtbar.  „Urbilder, die unbewusste Erinnerungen auslösen“ so Boltanski in einem Interview, „also Bilder, die oft mit Bildern aus unserer frühesten Kindheit in Beziehung stehen: Archetypen, die es jedem erlauben, seine eigene Geschichte zu erzählen.

Ein Besuch der Ausstellung in der Hamburger Galerie der Gegenwart lohnt es sich auf jeden Fall. Es ist ein durchaus erlebnisvolle Einblick in die magische Höhle der Schatten und Schnitte. Eine Einsicht in uns selbst.

Alle beteiligten Künstler: Martin Assig (Berlin), Thomas Baldischwyler (Hamburg), Gabriele Basch (Berlin), Michael Bauch (Hamburg), Christian Boltanski (Paris), Ulla von Brandenburg (Paris), Felix Droese (Düsseldorf), Jeanne Faust (Hamburg), Katharina Hinsberg (Neuss), Julia Horstmann (Berlin), William Kentridge (Johannesburg), Philip Loersch (Berlin), Rupprecht Matthies (Hamburg), Charlotte McGowan-Griffin (London/Berlin), Olaf Nicolai (Berlin), Annette Schröter (Leipzig), Stefan Thiel (Berlin), Kara Walker (New York).

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der im Buchhandel, in den Museumsshops und unter www.freunde-der-kunsthalle.de für zwanzig Euro erhältlich ist.

Kuratorinnen der Ausstellung: Dr. Petra Roettig und Henrike Mund

[ Dieser Text ist im Rahmen des Workshops "Journalistisches Schreiben" unter der Leitung von Christiane Zwick entstanden.]


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